Treu und frei

Reflexionen über den Wahlspruch der KDB Rheno - Guestphalia von AH Dr. Hans-Gerd Michels v Puch

[Der Beitrag ist die verkürzte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser bei dem Dreikonigsessen des Ortskartells Bonn im RKDB im Hotel Konigshof in Bonn am 10. Januar 1999 gehalten hat. Eine nochmals verkürzte Fassung hat der Verfasser auf der Antrittskneipe zum Wintersemester 1999/2000 am 22. Oktober 1999 vorgetragen. ]

„Ich möchte im folgenden den Blick einmal auf uns selbst richten, das heißt: auf unsere Korporation. Und zwar möchte ich einige Gedanken ausbreiten über unseren Wahlspruch.

In der Satzung Rheno-Guestphaliae ist - neben den sogenannten Prinzipien - ein „Wahlspruch" festgelegt. Er lautet: "Treu und frei!" Dieser Wahlspruch soll gleichsam eine verpflichtende Leitlinie für die einzelnen Mitglieder der Korporation sein. Und da die Zugehörigkeit zur Korporation die Begriindung eines Lebensbundes beinhaltet, hat der Wahlspruch Bedeutung auch über die Korporation hinaus, d. h. für die gesamte Lebensgestaltung des einzelnen Bundesbruders. Deshalb lohnt es sich, ihn einmal einer naheren Betrachtung zu unterziehen.

Nun müssen wir zunächst einmal die Begriffe klären: Was ist ein Wahlspruch, was sind Prinzipien?

Die Prinzipien Rheno-Guestphaliae lauten: "Virtus, scientia, amicitia", also: Tugend, Wissenschaft, Freundschaft. Diese Prinzipien, mit denen wir uns jetzt nicht im einzelnen beschäftigen wollen, beschreiben die Ziele der Korporation als Gemeinschaft. Sie umschreiben die Wertvorstellungen, die die Korporation durch ihr Programm zu verwirklichen sucht. Sie stellen, wenn man so will, den objektiven Gemeinschaftszweck dar.

Ein Wahlspruch hingegen ist etwas Subjektives. „Treu" oder „Frei" im Sinne personaler Freiheit kann nicht die Korporation als Ganzes sein, sondern nur das einzelne Mitglied. Der Wahlspruch verpflichtet den Einzelnen zu einer persönlichen Lebensführung, die den im Wahlspruch festgelegten Werten entspricht.

Also müssen wir uns jetzt mit dem Wertbegriff „Treue" beschaftigen. Es fällt auf, daß das Wort „Treue" auch in unserer Farbenstrophe enthalten ist:

Schwarzes Eisen, gold'ne Reben,
grünes Lund am Sagenstrom,
aus Dir strahlt die Kraft der TREUE
aus Dir strebt der Hohe Dom.

Die Väter unserer Satzung und der Dichter unserer Farbenstrophe, unser verstorbener Ehrenphilistersenior Dr. Alba Kossert, haben also der „Treue" einen hohen Stellenwert zugemessen.

Das ist auch durchaus verstundlich; denn die Treue ist ein geistiger, sittlicher und religiöser Begriff, der in der Menschheitsgeschichte von jeher eine überragende Rolle gespielt hat. Wir sprechen von
Gottestreue, Gattentreue, Freundestreue. In der Treue wird die naturhafte Gebundenheit des Menschen an den underen ins Bewußtsein erhoben und unter dem Verantwortungsbewußtsein vor dem Gewissen zu wahrer Verbundenheit vertieft.

Treue, so werden viele heute sagen, ist doch ein altmodischer Zopf Das sei doch nur etwas fur Vorgestrige. Daß dies nicht so ist, möchte ich durch ein Zitat aus dem neuesten Buch von Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit dem Titel , Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral" belegen. Dort heißt es:

"Gegen einige der bürgerlichen Tugenden gibt es heutzutage Einwunde, namlich gegen Fleiß, Disziphn, Pflichterfullung und TREUE Ohne Tugenden kann aber auf die Dauer keine Gesellschafi freier Burger Bestund haben."

Dem kann man nur zusammen. So ist die Treue eine der wesentlichen gemeinschaftsbildenden Krafte. Ein Gemeinschaftsleben - ob in Ehe, Familie oder Freundschaft - beruht auf dem treuen Menschen, auf den man ,treuen und bauen" kann, der das Anvertraute „betreut". Treue ist eine Tugend.

Nun wende ich mich dem Wahlspruch von Rheno-Guestphalia zu. Der hat es nämlich in sich: Treu und frei! Ja, wie geht das überhaupt zusammen? Entweder bin ich treu oder ich bin frei - könnte man oberflächlich meinen. Hundelt es sich bei „treu und frei" nicht um unvereinbare Gegensatze, oder wissenschaftlich gesprochen: um ein Antinomie? So wie etwa zwischen schwarz und weiß oder kalt und heiß? Beides gleichzeitig geht nicht. Entweder es ist etwas schwarz oder weiß, kalt oder heiß.

Natürlich gibt es zwischen schwarz und weiß grau, zwischen kalt und heiß lau. Aber das ist etwas underes: Grau ist eine undere Farbe, lau ein underer Warmezustund. Zwischen „treu und frei" gibt es jedoch kein Zwischending; man kann nicht ein bißchen treu oder ein bißchen frei sein. Entweder ganz oder gar nicht, heißt hier die Maxime.

Die Frage ist also: schließen sich treu und frei gegenseitig aus oder bedingen sie sich vielleicht gegenseitig? Und damit sind wir unversehens in einer der philosophischen Grundfragen menschlicher Existenz, namlich dem Problem von Freiheit und Bindung.

Fur das christliche Bild vom Menschen ist die Freiheit des Menschen als das ihn auszeichnende Wesensmerkmal grundlegend.

Menschliche Freiheit gibt es aber nur im Hinblick auf seine vielfache Gebundenheit an die Gesetze der Natur, des Seelischen, des gesellschaftlichen Lebens. Der Weg zur Freiheit kann also nur aber die Anerkennung solcher Gebundenheit gehen.Goethe sagt in seinem Gedicht "Wahrer Genuß": Man kann in wahrer Freiheit leben und doch nicht ungebunden sein. `

Freiheit und Gebundenheit im Menschen stehen also beide in einer wesensmäßigen Entsprechung. Indem der Mensch die Bindungen bejaht, verwundelt er sie durch diese Bejahung in Freiheit. Nicht die Freiheit für sich, sondern die Freiheit von sich, also das Offensein für Bindung, ist sittlich wertvoll. Wir sprechen insoweit von sittlicher Freiheit.
Je mehr sich der Mensch an das Wahre und Gute bindet, umso freier wird er, d. h. umso selbstmachtiger verwirklicht er sein eigenes Wesen, das ja von Natur aus auf das Wahre, Gute und Schbne angelegt ist und sich darin entfalten soll.

Das ist auch zutiefst eine religiöse Frage. Fur uns Christen ist die Bindung an Gott und seine Gebote kein Zeichen für Unfreiheit, vielmehr erlangen wir durch these Bindung erst die von Gott gewollte Freiheit für unser menschliches Tun und Lassen.

Seneca sagte schon in seinen ,Abhundlungen": Der Gottheit zu gehorchen ist Freiheit. `

Bindung und Freiheit - und damit auch: treu und frei - schließen sich also nicht aus, sondern stehen zueinunder in gegenseitiger Bedingtheit.

Eine Treue ohne die freie Entscheidung zu der jeweiligen Bindung ist keine Treue, sondern Abhängigkeit, Unterwürfigkeit, Hörigkeit. Treue setzt immer eine bewußte und freiwillige Bejahung der entsprechenden Bindung voraus, in unserem Falle also der Bindung an die Korporation und ihre Prinzipien.
Und eine Freiheit, die keine Bindung anerkennt, d. h. keine Treue kennt, ist keine Freiheit, sondern wesenszerstörende Ichhaftlgkeit, die letztlich in innere Unfreiheit führt.

Wir kennen alle das Modewort von der ,Selbstverwirklichung'. Meist steht dahinter ein schrankenloser Individualismus. Man kann sich aber auch selbst verwirklichen, indem man sich frei fur eine Bindung - zum Beispiel an Gott, an den Ehegatten, an den Freund, an eine Gemeinschaft - entscheidet und ihr treu bleibt. Erst these Selbstverwirklichung vom Ich weg hin zum Du ist ethisch und sozial wertvoll.

,Treu und frei!` - ein Wahlspruch also mit tiefem Inhalt. Man muß dem Autor oder den Autoren dieses Wahlspruchs Respekt, ja Bewunderung, bezeugen vor so viel philosophischem und sozial-
ethischem Weitblick.

Nun kann man sich fragen, ob die Hinterfragung des Wahlspruchs unserer Verbindung überhaupt noch zeitgemäß ist angesichts des doch immer starker zutage tretenden Werte- und Traditionsverfalls in unserer ach so modernen Gesellschaft. Werte und Zeitgeist: das ware allerdings ein neues Thema.

Nur so viel sei gesagt: Wenn die Gründer unserer Korporation vor Jahrzehnten Werte wie Treue und Freiheit zum Inhalt unseres Wahlspruchs machten, so waren das fur she zeitlose Ideale. Ideale mögen zwar vom Zeitgeist verdunkelt oder gar verdrangt werden, ihre innere Sinnhaftigkeit und zeitlose Absolutheit bleiben vom Zeitgeist aber unberührt.

Insoweit lohnt es sich, auch am Ende dieses Jahrhunderts noch über sie nachzudenken, oder besser noch: she zu beherzigen. Treu und frei`, das ist eine Lebensmaxime, auf die wir uns beim Eintritt in die Korporation verpflichtet haben und die wir nicht aufgeben sollten. Denn: Wie orientierungslos ware das Leben ohne Ideale!"